| Geschrieben von Lutz Warsitz,
am 24-04-2007 09:57
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Veröffentlicht in : Spezial, Historisches |
Nicht einmal siebzig Jahre sind vergangen, als die Geschichte des
Raketen- und Düsenzeitalters ihren Ursprung nahm! Mit dieser Ära sind
Namen wie Wernher von Braun, Hans Pabst von Ohain oder Ernst
Heinkel verbunden – aber zu den Pionieren gehört insbesondere auch
Erich Warsitz, der sich wagemutig in die neu konstruierten Flugzeuge
setzte und sie flog. Mein Vater hat unter Einsatz seines Lebens neue, die
gesamte Flugtechnik umwälzende Antriebsaggregate erprobt. In streng
geheimgehaltenen Testflügen, von denen selbst heute erst wenig
bekannt ist, steuerte er als erster Mensch ein Düsenflugzeug, die
Heinkel He 178, und ein Flüssigkeits-Raketenflugzeug, die Heinkel He
176. Er hat dadurch die Voraussetzungen mitgeschaffen, die es der
heutigen Flugtechnik erlauben, Zeit und Raum zu überbrücken.
Vor 100 Jahren, am 18. Oktober 1906, wurde Erich Warsitz in Hattingen
an der Ruhr in Deutschland geboren. Bei der akademischen
Fliegergruppe in Hangelar bei Bonn hatte er das Fliegen gelernt, und in
Rechlin, im Erprobungszentrum der damaligen Luftwaffe, flog er bald
alles, was von der auf Hochtouren laufenden deutschen
Flugzeugindustrie hergestellt wurde. Er begann damit jene Tätigkeit, die
ihn wenig später mit geschichtsträchtigen Entwicklungen der Luftfahrt
vertraut machen sollte.
Ende 1936 wurde Erich Warsitz vom Reichsluftfahrtministerium (RLM)
dem später weltberühmten Weltraumforscher Wernher von Braun und
Dr. Ernst Heinkel, einem der größten Flugzeugkonstrukteure jener Zeit,
zur Verfügung gestellt, weil er als einer der erfahrendsten Testpiloten
galt und weil er über aussergewöhnliche technische Kenntnisse
verfügte.
 In enger Zusammenarbeit mit Wernher von Braun begannen im Jahre 1937 erste Lufterprobungen mit einer Heinkel He 112. Copyright: Lutz Warsitz
 Neuhardenberg Copyright: Lutz Warsitz
Wernher von Braun: „Wir bauten zuerst einen Raketenmotor in eine
Heinkel 112 ein, und auf dem Flugplatz Neuhardenberg, hundert
Kilometer östlich von Berlin, ist Erich mit diesem Ding zum ersten Mal
gestartet. Das sollte aber nur der Anfang sein. Derselbe Raketenantrieb
und ein weiterer, von der Firma Walter in Kiel entwickelt, wurden später
in ein kleines Flugzeug eingebaut, nämlich die Heinkel 176, die im
Gegensatz zur 112 keinen Propellermotor mehr vorne besaß, sondern
ausschließlich mit Raketenantrieb flog. Dieses Flugzeug war selbst nach
heutigem Begriff eine absolut wilde Sache, so wild, dass selbst der
berühmte Flieger Ernst Udet, damals General in der deutschen
Luftwaffe, nach einem Kurzflug von Erich Warsitz, den er gesehen hatte,
ihm prompt verbot, das Ding noch einmal zu fliegen: Das sei kein
Flugzeug, „so ’n Ding, das keine Flügel hat“, das könne man nicht
fliegen. Es dauerte einige Zeit, bis Erich ihn endlich überredet hatte,
doch noch weitere Flüge zuzulassen. Hier liegt ein Anfang für die
Weltraumfahrt, der ebenfalls eine ganz wichtige Rolle gespielt hat im
Aufbau der Elemente, der Technik und auch des fliegerischen Anteils an
der Entwicklung der bemannten Raumfahrt“.
Als Erich Warsitz durch die laufenden Kurzflüge die Eigenarten und
Tücken der He 176 zu kennen glaubte, legte er am Spätabend eines
schönen Frühsommertages spontan den ersten richtigen Flug fest. Nach
seiner Entscheidung, sofort zu fliegen, trat bei allen Ingenieuren und
Monteuren eine unheimliche Ruhe ein, keiner sprach ein Wort, denn alle
wussten, dass der für die Zukunft entscheidende Augenblick kurz
bevorstand.
Erich Warsitz: „Bei ungefähr 300 km/h, kurz vor dem Abheben, brach
die Maschine links aus. Die linke Fläche berührte den Boden – und ich
sah die Katastrophe schon kommen. Ich wollte diesen Flug aber auf
Biegen und Brechen hinter mich bringen, ließ das Gas drin und weit aus
der Startrichtung raus hob sie dann mit einem Satz ab. Es war ein
erhebendes Gefühl, fast geräuschlos mit 800 km/h die Nordspitze der
Insel Usedom zu umfliegen. Zeit für fliegerische Versuche blieb mir
nicht, denn schon musste ich mich auf die Landung konzentrieren. Ich
drückte, huschte im Nu über die Peene und ging mit 500 km/h an den
Boden. Die Platzgrenze war erreicht und nach mehreren
vorschriftsmäßigen Sprüngen rollte die Maschine aus!“
 20.Juni1939 Copyright: Lutz Warsitz
 Vorführung der He 176 vor Milch, Udet und Heinkel Copyright: Lutz Warsitz
Trotz des Erfolgs mit dem Raketenflugzeug, der He 176, der ja in enger
Zusammenarbeit mit dem Reichsluftfahrtministerium erreicht worden
war, erhielt Heinkel nicht mehr die nötige Unterstützung, die er sich
erhofft hatte. Im Luftfahrtministerium zeigten sich zwar zahlreiche
maßgebende Leute interessiert, aber der Zweite Weltkrieg stand vor der
Tür, und da gab es andere Sorgen.
Erich Warsitz: „Schon lange vorher hatte ich ein ganz anderes
unheimliches Geräusch bei Heinkel im Werk kennen gelernt, wobei es
sich um Probeläufe des ersten Heinkel-Strahltriebwerks handelte“.
Im Jahr 1936 schrieb Professor Pohl von der TH-Göttingen an Heinkel –
sie kannten sich – folgendes: „Ich habe da einen sehr befähigten Mann,
der bastelt und arbeitet an einem Strahltriebwerk. Wir können ihm hier
nicht weiterhelfen, weil unsere Mittel begrenzt sind. Interessieren Sie
sich für den Mann?“ Undd so geschah es, dass Hans Pabst von Ohain sofort von Heinkel
angestellt wurde und ein eigenes Laboratorium in seinem Werk in
Rostock zur Verfügung gestellt bekam. Im Februar 1937 lief bereits die
erste Turbine auf dem Prüfstand. Nachdem die zweite Turbine, die He
S3 A, klar war, wurde sie Anfang 1939 in die inzwischen von Heinkel
konstruierte Zelle der He 178 eingebaut.
Die He 176 wurde fast von vornherein im Auftrag und mit Genehmigung
des RLM entwickelt, die He 178 dagegen nicht! Diese Entwicklung zog
Heinkel ohne Wissen des RLM durch, und jene kleine Maschine eröffnete
wenig später das Düsenzeitalter.
Hans Pabst von Ohain: „Ich erinnere mich gut an mein erstes Treffen
mit Erich Warsitz in Peenemünde, etwa in den ersten Sommertagen
1939. Heinkel hatte mich eingeladen, beim zweiten Flug der He 176
anwesend zu sein. Es war für mich ein großes Erlebnis, den Wagemut
von Warsitz, sein hervorragendes Können und seine eindrucksvolle
Flugvorführung zu beobachten. Am Abend hatte ich dann bei einer
großen Feierlichkeit Gelegenheit, kurz mit Warsitz über die
bevorstehende Flugerprobung der He 178 zu sprechen“.
Am Sonntag, dem 27. August 1939 – nur wenige Tage vor
Kriegsausbruch – war es so weit. Es herrschte wunderschönes Wetter
und die Maschine wurde zum Startplatz geschleppt.
Heinkel selbst und seine Mitarbeiter blickten gespannt in die Runde,
denn inzwischen war erkannt worden, dass nicht dem Raketen- sondern
dem Düsenflugzeug wegen seiner längeren Flugzeit und größeren
Betriebssicherheit die Zukunft gehörte.
Erich Warsitz: „Ich prüfte noch einmal alle Ruder auf Gängigkeit,
kontrollierte die laufende Turbine auf verschiedene Drehzahlen, die
Pumpendrücke, Temperaturen und noch vieles mehr und gab den
Monteuren das Zeichen, die Kanzel zu schließen. Langsam gab ich
Vollgas. Beim Anrollen war ich zunächst über den Schub eigentlich ein
bisschen enttäuscht, denn sie schoss nicht los wie die 176, sondern
setzte sich langsam in Bewegung. Doch nach einer Startstrecke von
zirka dreihundert Metern holte sie natürlich sehr schnell Fahrt auf. Ich
konnte sie wunderbar mit den Bremsen in Richtung halten, und dann
hob sie ab. Alle Ruder wirkten fast ganz normal, während die Turbine
gleichmäßig ihr hohes Lied sang. Es war herrlich zu fliegen, kein
Windchen rührte sich und die Sonne stand ganz niedrig am Horizont.
Nachdem ich eine größere Platzrunde geflogen hatte, sollte ich – mir
war das eingehend gesagt worden – sofort landen. Aber da ging die Lust
mit mir durch. Ich flog noch ein bisschen schneller und dachte: Ach, ich
dreh noch eine Runde!“
Nach der zweiten Runde setzte Erich Warsitz zur Landung an. Ganz
gehorsam reagierte die Turbine auf seinen Gashebel. Kurz über dem
Boden brachte er die Maschine in die richtige Fluglage, machte eine
wunderbare Landung und kam kurz vor der Warnow, vor dem Wasser,
zum Stehen.
Der erste Düsenflug der Welt war restlos gelungen! Die Spannung löste
sich, alle freuten sich überschwänglich. Die Monteure hoben den jetzt in
bester Laune befindlichen Dr. Heinkel und auch Erich Warsitz auf die
Schultern, und nach kurzer Diskussion wurde der erste geglückte und
für die Zukunft richtungsweisende Flug im Kasino begossen.
Hans Pabst von Ohain: „Wiederum hatte Warsitz durch sein enormes
fliegerisches Können und seinen mutigen Willen ein völlig neues
Flugprinzip zum ersten Mal in der Welt zum Fliegen gebracht“.
Nach Kriegsende wurde Erich Warsitz von vier russischen Offizieren in
der Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1945 um drei Uhr aus seiner im
amerikanischen Sektor gelegenen Wohnung entführt. Bei den
unzähligen Verhören lag der Schwerpunkt bei seiner früheren Tätigkeit
auf dem Gebiet der Raketen- und Düsenflugzeugentwicklungen im OKH
(Oberkommando des Heeres) und RLM, in Peenemünde und den
Heinkel-Werken.
Nachdem er die Vertragsunterschrift verweigerte, wonach er sich zu
fünfjähriger Mitarbeit an der russischen Entwicklung auf diesem
Spezialgebiet verpflichten sollte, wurde er zu fünfundzwanzig Jahren
Zwangsarbeit verurteilt und rollte anschließend in das berüchtigte
Straflager 7525/13 nach Sibirien.
Nach seiner Rückkehr im Jahre 1950 betätigte er sich zunächst als
selbständiger Unternehmer, bis er sich 1965 – wie man so sagt – „auf
Alpenteil“ setzte.
Anfang der achtziger Jahre plante ich für meine Maturaprüfung über
meinen Vater und sein außerordentliches Leben zu schreiben. Er war
sehr stolz darauf und erlaubte mir, ihn über ein Jahr lang zu
interviewen. Eines Tages sagte er zu mir: „Vielleicht schreibst du ja
eines Tages mal ein Buch über mich.“
Mein Buch „Flugkapitän Erich Warsitz – der erste Düsenflugzeugpilot der
Welt“ erlaubt ihm als wichtigem Zeitzeugen diese Pionierzeit, die durch
die strenge Geheimhaltung der ganzen Entwicklung der Allgemeinheit
auch heutzutage noch unbekannt ist, aus eigener Erfahrung und von
seinem Standpunkt aus zu schildern - von der technischen Seite her als
Ingenieur und von der fliegerischen Seite her als erster und alleiniger
Einflieger dieser revolutionären Maschinen.
Im April 1983 erlitt mein Vater einen schweren Gehirninfarkt, der sein
Todesurteil werden sollte.
Flugkapitän Erich Warsitz starb im Alter von 76 Jahren am 12. Juli 1983
in Barbengo/Schweiz.
In einem Brief vom 14. April 1988 schrieb Hans Pabst von Ohain an
meine Mutter: „In späteren Jahren habe ich oft an Erich Warsitz
zurückdenken müssen. Ich bewundere ihn noch heute und bin der
festen Überzeugung, dass er durch seine mutige Opferbereitschaft und
sein fliegerisch-technisches Können wesentlich zur schnellen
Entwicklung der Turbinen-Strahl-Triebwerke und Raketen für bemannte
Flugzeuge beigetragen hat. Sein Bild im „National Air and Space
Museum“, Washington D. C., in der ersten Heinkel He 178 fliegend, wird
für immer davon Zeugnis ablegen“.
 1959: Nach zwanzig Jahren gedenken Wernher von Braun und Erich Warsitz des ersten Düsenfluges der Welt Copyright: Lutz Warsitz
Lutz Warsitz, Cimo 2006
Wir bedanken uns an dieser Stelle sehr herzlich bei Herrn Lutz Warsitz das er uns dieses Material zur Verfügung gestellt hat. Für Fragen und Informationen steht der Sohn von Erich Warsitz gern zur Verfügung. E-Mail: info(at)erichwarsitz.com
lutzwarsitz(at)freesurf.ch
{booklibrary isbn=3833453788&title_align=right&book_align=left& caption=Wenn Sie mehr über Erich Warsitz erfahren wollen, empfehlen wir Ihnen den Kauf dieses Buches!}
Letztes Update : 29-04-2007 19:02
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